Der Scherenschnitt – mein täglicher Begleiter

 

Neben Haus-Garten-Hund und Familie ist der Scherenschnitt zu meinem täglichen Begleiter geworden.

Für mich sind das entspannende, schöne Momente, wenn ich (wenn möglich) im Garten sitzen kann und meine Ideen, Gedanken und Gefühle ins Papier schneide. Ohne kreativ zu sein, könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen.

 

 

Scherenschnitte

(Text von Martin Jakob/Brugg)

 

Die Schere, lieber Leser, hat man lieber nicht im Kopf.

Besser, man hat sie in der Hand.

Und noch besser, man weiss etwas damit anzufangen.

Der Scheider schneit Tuch damit.

Der Metzger schneidet die Wurst.

Der Coiffeur schneidet die Haare.

Der Gärtner schneidet die Hecken.

Und was schneidet Elisabeth Bottesi?

Sie schneidet Papier. Das ist doch keine Kunst!

 

Papier, lieber Leser, haben wir alle genug.

Auf Papier ist die Zeitung gedruckt, die wir jeden Tag lesen.

Auf Papier flattern uns Sonderangebote ins Haus.

Rechnungen, herzliche Grüsse aus den Ferien

und nette Wünsche für die Festtage ins Haus.

Mit Papier putzen wir Fensterscheiben,

helfen wir dem Cheminee-Feuer auf die Beine,

stopfen wir Pakete aus.

Und was tut Elisabeth Bottesi mit Papier?

Sie schneidet es. Das ist doch keine Kunst!

Und doch ist es Kunst.

Aber die Kunst liegt nicht in der Schere,

und sie liegt nicht im Papier –

sie liegt im Willen, etwas Eigenes zu gestalten,

und im Können, diesen Willen zu verwirklichen.

 

Der Scherenschnitt ist eine volkstümliche Kunst,

weil es so wenig braucht, um sie auszuüben: eine

Schere und etwas Papier, das genügt.

Nein, halt: da fehlen doch noch ein paar Dinge:

Es braucht Zeit, Geduld und Liebe dazu.

 

In der Schweiz hat die Scherenschnitt-Bewegung

ein eindeutiges Epizentrum:

das Saanenland im Kanton Bern.

Von dort stammen die ersten grossen Meiser dieses Fachs:

Johann Jakob Hauswirth, Louis Saugy und Christian Schwizgebel.

Von dort stammt auch Elisabeth Bottesi-Fischer.

Als 13jährige lag sie einmal krank im Bett

und hatte Zeit, sich den Scherenschnitt genau anzusehen,

der im Krankenzimmer hing.

Elisabeth Bottesi-Fischer ist wieder gesund geworden.

Aber der Scherenschnitt, der sass tief. Sie hatte das

Glück, beim Scherenschneider Christian Schwizgebel die

Grundzüge des Handwerks lernen zu dürfen. Und sie hatte

das Talent, etwas aus diesem Handwerk zu machen:

Scherenschnitte à la Bottesi.

 

Seit 1981 stellt Elisabeth Bottesi ihre Werke regelmässig aus.

Seither hat sich eine Gemeinde von Kennern gebildet, die ihr

Haus mit einem Bottesi – oder mehreren – schmücken und mit

konstantem Interesse den Weg verfolgen,

den die Künstlerin beschreitet.

Dieser Weg zeichnet sich durch zwei Dinge aus: Durch die

Treue zu klassischen Motiven und durch die

Experimentierfreude in der Schnitttechnik.

Die klassischen Motive:

Das sind Tiere, Blumen, Kinder, ländliche Szenen.

Und da ist vor allem und immer wieder der Baum.

Der Baum, von dem wir in den 80er Jahren hören mussten,

dass er massenweise sterben werde.

Der Baum, von dem wir nun hören, dass er,

statt wissenschaftlicher Prophetie zu folgen,

munter weiter wächst und Lebenskraft beweist –

der Baum ist stärker als der Mensch

und stärker als die Zivilisation!